50 Jahre Betriebsseelsorge St. Pölten

St. Pölten, 11.10.2018

Mit einem umfangreichen Festakt wurde im St. Pöltner Bildungshaus Hippolyt das 50-Jahr-Jubiläum der Betriebsseelsorge gefeiert. Dabei berichteten Betriebsseelsorger/innen über ihre Arbeit.
Bei der Veranstaltung wurde betont, dass die „Betriebsseelsorge kein bisschen leise sein will“ und Ungerechtigkeiten in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft beim Namen nennen werde. Man sehe es als Auftrag von Papst Franziskus, „an die Ränder zu gehen“. Das verstehe die Betriebsseelsorge so, dorthin zu gehen, wo die Menschen arbeiten.

Sei man bei ihnen, werde man ernst genommen. Kirchliche Angestellte in der Arbeitswelt würden für jene da sein, die „ausgesondert“ würden und die nicht mehr können. Man kümmere sich um Gruppen, die am Rande stünden, seit Jahren etwa für Migranten. In diesem Zusammenhang fiel immer wieder Name des legendären belgischen „Arbeiter-Kardinals“ Joseph Leon Cardijn, der daran erinnerte, dass Arbeiter/innen nicht Sklaven, sondern Töchter und Söhne Gottes seien. Die Betriebsseelsorger, die ihre Schwerpunkte in den Regionen Amstetten, oberes Waldviertel und St. Pölten/Traisental haben, erklärten, sie wollten in die Arbeitswelt mit offenen Ohren und Herzen hineingehen – und sich dafür Zeit nehmen.
Moderator Axel Isenbart konnte viele Ehrengäste begrüßen: Diözesanbischof Alois Schwarz, Soziallandesrätin Ulli Königsberger-Ludwig, Armin Haiderer, Präsident der Katholischen Aktion St. Pölten, Hans Wimmer, Direktor der Pastoralen Dienste, die Vizepräsidentin der Arbeiterkammer NÖ, Gerda Schilcher und natürlich die Betriebsseelsorger/innen.
Der St. Pöltner Bischof Schwarz würdigte deren Wirken, sie würden sich seit 50 Jahren für menschenwürdige Arbeit einsetzen. Er kenne die Arbeit der Mitarbeiter/innen, die im Bereich Kirche und Arbeitswelt sehr gut. Wichtig sei, denen eine Stimme zu geben, die keine haben. Er schätze ua. deren Einsatz für den arbeitsfreien Sonntag. In diesem Punkt müsse man auch weiter achtsam sein. Bischof Schwarz bat, dass sie in dieser Spur bleiben.
Die niederösterreichische Soziallandesrätin Ulli Königsberger-Ludwig appellierte, gemeinsam aufzustehen und die Stimme zu erheben, wenn es um Demokratie und Solidarität gehe. „Wenn wir nicht laut für Menschenwürde und Gerechtigkeit eintreten, werden wir nicht gehört“, dankte sie Betriebsseelsorgern, Betriebsräten und Gewerkschaftern für die Kooperation.
Arbeitswelt-Forscher Michael Bartz von der IMC FH Krems erklärte, die Veränderungen in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt würden sich „massiv anfühlen“, etwa in Bezug auf die Digitalisierung. Die Verantwortung sei, die Menschen darauf vorzubereiten. Entwicklungen sollten nicht ausgesessen werden, man solle gut mit negativen Aspekten umgehen und gleichzeitig das Positive an Veränderungen nutzen. Betriebsseelsorger sollten Moderatoren der Veränderungsprozesse sein.
Magdalena Holztrattner, Leiterin der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), betonte die Würde des Menschen – gerade auch in der Arbeitswelt, das ergebe sich, weil wir Söhne und Töchter Gottes seien. Wo die Schere Arm-Reich aufgeht, würden die sozialen Spannungen steigen. Teilzeit, prekäre Jobs oft Leiharbeit stresse die Menschen und verhindere politisches Engagement. Das sei ein echtes Problem für die Demokratie.


Stellungnahme
der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diözese St. Pölten, die im Bereich Kirche und Arbeitswelt tätig sind. „Sie können und wollen nicht schweigen zur aktuellen Situation im Bereich der Arbeitsmarktpolitik.“
Wer redet hier von Gerechtigkeit?!
In der öffentlichen Debatte werden im Augenblick Begriffe verschönt oder gedreht. Wir hören vom Arbeitslosengeld Neu und gemeint ist damit die Streichung der Notstandshilfe. Die Politik redet von Gerechtigkeit, wenn es um die Anliegen der „Fleißigen und Tüchtigen“ geht, aber es passiert eine Umverteilung von unten nach oben. Die Aktion 20.000 wurde zu Jahresbeginn abgesetzt, nun werden die Einsparungen bei den Beschäftigungsprojekten publik. Einige von ihnen müssen überhaupt zusperren. Das betrifft auch andere Sozialeinrichtungen, zum Bespiel Fraueninitiativen. Gleichzeitig gibt es Abgabenerleichterungen für Unternehmen.
Betroffen sind Menschen, die Monat für Monat darum kämpfen über die Runden zu kommen, die hoffen, dass kein Gerät kaputt geht, nichts Außergewöhnliches passiert. Die Mindestsicherung wurde mit dem Blick auf die Ausländer gedeckelt („Man kann doch keiner Pensionistin etwas wegnehmen!“). Doch in NÖ ist nur jeder Siebte Betroffene ein Asylberechtigter, alle anderen sind zumeist Bürgerinnen und Bürger unseres Landes! Von ihnen sind lediglich 28% arbeitslos, aber 25% in Pension, 21% krank oder behindert und 21% erwerbstätig mit zu geringem Einkommen. Im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung ist der Anteil der chronisch Kranken doppelt so hoch, dreimal so hoch der Menschen mit Pflegebezug, viermal so hoch die Zahl der Menschen mit Behinderung.
Es sind  Frauen und Männer mit Würde, Menschen mit einmaligen Fähigkeiten, die sie auch gerne einsetzen würden. Aber sie werden von dieser Wirtschaft nicht gebraucht. In Diskussionen wird dann immer wieder behauptet, dass ihnen der Bezug gekürzt und mehr Druck ausgeübt werden muss. Das wird dann positiver Arbeitsanreiz genannt. Betriebe schreien nach Arbeitskräften und lehnen gleichzeitig Bewerber ab, oder sie beklagen keine Fachkräfte zu bekommen und bilden selbst nicht aus. Es geht längst nicht mehr um die Menschen, sondern darum, die Bedürfnisse der Wirtschaft zu erfüllen. Während von den einen verlangt wird 12 Stunden am Tag zu arbeiten bekommen immer mehr nur mehr einen Teilzeitjob.
Viele  Menschen haben Angst. Es ist die Angst nicht bestehen zu können, Angst in der sozialen Leiter abzurutschen, Angst vor der Zukunft. Als Antwort braucht es Zeichen und Räume der Hoffnung. Als Arbeiterseelsorgerinnen und –Seelsorger fordern wir mit Blick auf das Evangelium Gerechtigkeit ein: Blinde sehen wieder und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird die Frohe Botschaft verkündet. (Mt 11,5) Wenn Menschen ohne Arbeit, ohne Aussicht sind, dann fühlen sie sich ausgeschlossen. Wir erleben eine Politik der Entsolidarisierung: Wir und die anderen! Damit werden die Schwächsten an den Rand gedrängt, sind draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht nur „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall“. (Papst Franciscus im Rundschreiben Evangelii Gaudium 53) Dem gilt entschieden entgegenzutreten. Gerechtigkeit kann nur mit dem Blick auf die Benachteiligten unserer Gesellschaft entstehen und wenn unser Handeln nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet wird. Wir können alle dazu beitragen. Dazu braucht es aber auch eine Politik der Solidarität, die sich in einem guten staatlichen Sozialsystem zeigt.